"Fruchtzucker kann krank machen"

09.06.2009 | Hamburg
Im Interview: DAK-Expertin und Ernährungswissenschaftlerin Silke Willms

Foto: DAK/Kohlbecher

Erdbeeren, Himbeeren und Kirschen locken jetzt zum Reinbeißen. Diese Früchte sind zwar lecker, aber leider nicht für jeden gesund, denn zu viel Obst kann Bauchkrämpfe und Durchfall auslösen. DAK-Expertin und Ernährungswissenschaftlerin Silke Willms gibt Tipps für die richtige Ernährung.

Frage: Rund jeder Dritte in Deutschland leidet an einer Fruchtzuckerunverträglichkeit. Obst ist doch aber eigentlich sehr gesund.

Silke Willms: Das stimmt, aber sehr große Fruchtzuckermengen von mehr als 35 Gramm pro Stunde sind auch für viele Gesunde schon zuviel - und die stecken bereits in zwei Gläsern Apfelsaft. Diese Menge kann auch bei Gesunden zu Blähungen führen, doch nach dem nächsten Stuhlgang ist die Welt wieder in Ordnung. Das sieht bei Patienten mit einer Fruchtzuckermalabsorption ganz anders aus.

Frage: Wie kommt es zu den Beschwerden?

Silke Willms: Bei der Fruchtzuckermalabsorption handelt es sich um eine Unverträglichkeitserscheinung, bei der der menschliche Verdauungsapparat zuviel Fruchtzucker nicht verarbeiten kann. Enzyme im Darm zerlegen die mit der Nahrung aufgenommenen Zucker in kleine Einzelzucker. Transporter schleusen diese durch beziehungsweise in die Darmwand. Ist das Transportsystem für den Fruchtzucker defekt, spricht man von einer Fruchtzuckermalabsorption. Fruchtzucker wird nur unzureichend im Dünndarm aufgenommen. Der Rest wandert in den Dickdarm, wo ihn die Darmbakterien zu kurzkettigen Fettsäuren, Wasserstoff und anderen Gasen verstoffwechseln. Dadurch entstehen Beschwerden wie Blähungen, Durchfall, Übelkeit, Aufstoßen und Bauchschmerzen.

Frage: Wie kann man denn herausfinden, ob eine Fruchtzuckerunverträglichkeit vorliegt?

Silke Willms: Viele Betroffene sind oft müde, gereizt und verlieren an Gewicht. Sie können sich nur schlecht konzentrieren und leiden unter unspezifischen Symptomen wie Schwindelgefühl, Kopfschmerzen und Schlafstörungen. Wer wissen möchte, ob eine Unverträglichkeit vorliegt, kann selbst einen Test machen, indem man einen halben Liter Apfelsaft trinkt. Treten danach Durchfall, Blähungen und Bauchkrämpfe auf, leidet man möglicherweise an einer Fruchtzuckerunverträglichkeit. Klarheit bringt aber erst eine Wasserstoff-Atemgas-Analyse, die der Arzt durchführt.

Frage: Wie müssen sich Betroffene denn verhalten, wenn bei ihnen eine Unverträglichkeit vorliegt?

Silke Willms: Im Gegensatz zu der sehr seltenen Fruktoseintoleranz, vertragen die Betroffenen mit Unverträglichkeit ja noch eine Restmenge an Fruchtzucker. Sie müssen ihre Ernährung mit Hilfe erfahrener Ernährungsberater auf eine fruchtzuckerarme Diät umstellen. Zunächst meidet man fruchtzuckerhaltige Nahrungsmittel, um sie anschließend in kleineren Mengen wieder zuzuführen. Dabei sollen Betroffene die individuell verträgliche Menge herausbekommen.

Frage: Der Griff in den Obstkorb ist also erst einmal tabu?

Silke Willms: Nein, ganz und gar nicht. Während aber Weintrauben, Bananen, Äpfel, Birnen, sowie getrocknete Früchte sehr viel Fruchtzucker enthalten, empfehle ich Betroffenen zu Obstsorten wie Melonen, Pfirsich und Zitrusfrüchten zu greifen. Und jetzt auch zu Erdbeeren und Himbeeren. In 100 Gramm Erdbeeren oder Himbeeren stecken glücklicherweise nur etwas mehr als zwei Gramm Fruchtzucker. Süßkirschen dagegen enthalten mehr als sechs Gramm. Frisches Obst ist beispielsweise auch besser verträglich mit Quark oder im Anschluss an eine Mittagsmahlzeit.

Frage: Wobei Früchte ja nicht die alleinigen Übeltäter sind. Fruchtzucker kommt beispielsweise auch in Joghurt, Honig, Ketchup, Wellnessgetränken und in vielen Fertigprodukten vor.

Silke Willms: Richtig. Heikel ist eben, dass der Fruchtzucker bei der Lebensmittelproduktion mittlerweile verstärkt als Ersatz für Kristallzucker verwendet wird. Betroffene sollten daher bei Produkten mit Vermerken wie "wenig süß", "wenig Zucker", "ohne Kristallzucker" oder "Traubenfruchtsüße" und bei Diätprodukten besonders aufpassen.

Quelle: Pressemeldung D A K - Unternehmen Leben

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